Wie viel sich in 10 Wochen verändert hat und wie ich hinterhergewachsen bin

Manchmal überschlagen sich die Ereignisse so sehr, dass die Persönlichkeit nicht im gleichen Tempo mitwachsen kann. Das macht nichts, manchmal darf sie auch nachreifen. Wichtig ist nur, sich diese Zeit dann auch zu nehmen. 

Ich habe mich in den letzten Wochen auf eine komplett verrückte Reise gemacht. In diesem Artikel soll es darum gehen, wie ich in dieser Zeit achtsam mit mir und meiner mentalen Gesundheit umgegangen bin.

Solche Wachstumsphasen sind eine besondere Zeit. Ich gehe in solchen Phasen deutlich über meine Energiereserven. Ich arbeite mehr Stunden an den Themen, stecke in intensiven Austauschen und habe keine Distanz dazu. Ganz bewusst nicht. Ich lasse mich darauf ein, gehe darin auf, träume davon, denke daran, während ich mit meinem Hund übers Feld laufe und während ich mir den ersten Kaffee des Tages mache.

Ich spüre ein Kribbeln im ganzen Körper. Schlaf ist mir nicht mehr so wichtig, müde bin ich selten. Ideen fluten meinen Kopf – so schnell, dass ich kaum hinterherkomme. Ich fühle mich, als könnte ich alles schaffen, bin ständig im Kontakt, digital und analog.

Und ich wage mich so weit vor, wie es für mich innerhalb meines normalen, gemütlichen Alltags undenkbar wäre. Plötzlich verschieben sich Grenzen. Was mir früher schwer vorgekommen wäre, ist auf einmal möglich. Und wenn ich es getan habe, gibt mir das noch mehr Energie.

Wachstum und Wachstumsschmerz​

Ich liebe solche Phasen. Sie bedeuten Wachstum. In diesen intensiven Zeiten ist viel mehr möglich, als sonst. Es ist wie ein Sprint mit zusätzlichem Motor. Ich beschleunige immer weiter, bin im Geschwindigkeitsrausch und wachse, wachse, wachse.  

Wirklich wichtig ist, dass solche Phasen zeitlich begrenzt sind. Und dass darauf Ruhephasen folgen, in denen alles nachwachsen und nachreifen kann, was vielleicht nicht ganz hinterhergekommen ist. In denen sich dein System erholen kann.

Für mich und meine Vorgeschichte gilt das ganz besonders. Ich glaube aber, dass das für alle gilt, die sich auf so eine intensive Wachstumsphase einlassen.

Ich mache mich sichtbar​

Was habe ich überhaupt getan, dass ich so hibbelig bin, so positiv und mich jetzt so dringend erholen muss? – Ich habe mich für den „Sichtbarmacher “ von Frau Herz angemeldet. Ein Online Programm, das dich in 10 Wochen dabei begleitet, deine eigene Marke zu entwickeln und an den Start zu bringen. Dabei geht es nicht nur um die tatsächliche Umsetzung. Es geht auch viel um inneres Wachstum und Mindset-Arbeit. Es ist vollgepackt mit Herausforderungen, jeder Menge Input und Aufgaben außerhalb der eigenen Komfortzone. Und am Ende wundern sich die Teilnehmerinnen (es waren glaube ich immer hauptsächlich Frauen), wo sie gelandet sind, nach nur 10 Wochen. Für die meisten geht die Reise dann erst richtig los.

Spontan entschied ich, dabei zu sein. Ich liebe schnelle Entscheidungen. Sie geben mir einen Energieschub und das Gefühl, Gestalterin meines Lebens zu sein.

So auch dieses Mal. Ich hatte mich angemeldet, weil ich ein weiteres Mal ausbrechen wollte aus meiner Komfortzone. Was denn, schon wieder? Wie oft habe ich mein Leben eigentlich geändert und neu justiert in den letzten Jahren? Oft.

Und vielleicht hätten mir ein paar mehr ruhige Monate gutgetan. Ich habe viel geschafft in den vergangenen zwölf Monaten. Erfolgreich eine Selbstständigkeit aufgebaut zum Beispiel. Viel gelernt. Viel bewegt. Geheilt. Ausruhen und weitermachen wäre sicher vernünftig gewesen.

Das ist eines meiner Themen, das ich nicht einfach auflösen kann. Ja, ich liebe es, aktiv zu sein. Ich liebe Bewegung, Entwicklung und Veränderung, Lernen und Neues. Und ich langweile mich schnell.

Das ist geblieben. Auch nach meiner Erschöpfungsdepression damals und auch nach meiner Therapie. Natürlich. Ein Mensch verliert ja nicht einfach seinen Wesenskern. Einige werden das sicher kennen: Auch diese Verunsicherung: Wie viel darf ich mir denn auf den Rücken packen? Früher war es zu viel, das ist klar. Aber wie viel ist gut für mich? Wie viel ist gesund für mich? Es ist ein Pendeln und Ausprobieren. Inzwischen kann ich mich besser einschätzen. Manchmal vertue ich mich trotzdem.

Also: Ja, ich hätte da bleiben können, wo ich war. Aber ich bin eben ich. Ich wollte weiter. Ich wollte mich noch mehr zeigen. Wollte Blockaden abbauen. Wollte noch mehr dem Ruf meiner inneren Stimme folgen. Wollte meine Weltsicht teilen, meine Texte, meine Liebe fürs Schreiben. Und: Ich wusste, ich möchte anderen mit dieser Liebe fürs Schreiben und fürs Erzählen helfen.

Ich halte mein müdes, ungeschminktes Gesicht in die Kamera

Das Seminar ging los. Am ersten Gruppencall nahmen über 50 Menschen teil. Ich war verunsichert, wusste nicht, wo ich stand im Vergleich zu den Anderen. Der alte Drang nach Einordnung und Anpassung, den ich eigentlich schon längst überwunden haben wollte: Manchmal kommt er zurück. Vor allem, wenn ich angespannt bin. Trotzdem schaltete ich nach ein bisschen gutem Zureden schon im ersten Call mein Mikrofon an, hielt mein müdes, ungeschminktes Gesicht in die Kamera und machte mich verletzlich. Ich erzählte etwas Privates. Etwas, das mir unangenehm war, aber in dem Moment raus wollte. Diese Flucht nach vorne befreite mich. Von da an fiel es mir leicht, mich zu zeigen.

Ich sprang und sprang über meine Hürden. Es klingt in der heutigen Zeit seltsam, aber am Schwersten war es für mich, einen Instagram Account anzulegen und in die Kamera zu sprechen. Ich hatte schon auf meinem Blog von meiner Depression erzählt und diesen Beitrag sogar mit all meinen beruflichen Kontakten auf LinkedIn geteilt. Wie kann es da schwer sein, auf Social Media etwas zum neuen Angebot als Schreibcoach zu erzählen? Tja.

Ich gewöhnte mich daran, vor der Kamera zu stehen, launchte nach fünf Wochen mein erstes eigenes Produkt – das Schreibdate und kam so viel weiter, als ich allein je gekommen wäre. Wow, was für ein wilder Ritt. Ich liebe es und bin sehr froh, dass ich damals so spontan gesprungen bin.

Für mich ist es eine große Erfolgsgeschichte

Zu dieser Geschichte gehört aber auch, dass ich wahnsinnig erschöpft war. Dass ich das Gefühl hatte, bis oben hin vollgestopft zu sein mit Input und Dingen, über die ich nachdenken musste. Dinge, die einsinken wollten, aber im Moment nicht konnten, weil schon wieder Neues obendrauf kam. Ich fand alles spannend und war wochenlang wie angezündet. Toll.

Ich weiß aber auch, dass auf angezündet ausgebrannt folgen kann. Deswegen bin ich trotz aller Begeisterung auch ein bisschen vorsichtig. Ich habe einen Plan B. Der heißt Pause machen, auch wenn es mich etwas kostet. Nicht unbedingt Geld; zwar auch Geld, aber vor allem auch Fortschritt.

Wandern, Atmen, Bäume anschauen

Nach besonders intensiven Abenden nahm ich mich am nächsten Vormittag bewusst aus allem raus. Mit meinem Hund Mio wanderte ich drei, manchmal vier Stunden lang durch die Wälder in der Umgebung. Wandern, Atmen, Bäume anschauen, mit Mio kommunizieren, im Moment sein. So fand ich nach besonders wilden Tagen zurück zu mir. Klar, normalerweise gehe ich nicht mitten unter der Woche allein wandern. Und ich weiß auch, was für ein großes Privileg ich habe, dass ich das tun kann. Diese Pausen haben es mir ermöglicht, den Rest der Woche ein so hohes Tempo zu fahren.

Mein Ratschlag für Menschen, die in einer Hustle-Phase stecken: Mach dir bewusst, es ist eine Phase, nicht dein neuer Lebensstil. Du kannst schon bald zurück zu deinen Routinen, zu der Ruhe, die du brauchst, zu allem, was dir langfristig Energie gibt. Eines ist dabei ganz wichtig: Tappe nicht in die Falle, dir folgende Geschichte zu erzählen: Es ist gerade viel los. Nur das noch. Und das. Und das. Unsinn. Weißt du, von wem ich solche Geschichten kenne? Von Menschen, die Agenturen oder Start-ups leiten, Menschen, die dort arbeiten, Tausendsassas und auch von meinem früheren Ich. Aus Es ist gerade viel los wird schnell ein Dauerzustand. Du brauchst unbedingt ein klar definiertes Ende dieser Phase. Ein Ende, das du selbst setzt. Ein Ende, das du ernst nimmst. So behältst du deine Selbstbestimmung und wirst nicht zum Spielball der Ereignisse. Nimm dir Zeit, das Erlebte und Gelernte zu integrieren. Es gehört jetzt zu dir. Lass es mit dir verwachsen. Nimm dir jetzt Zeit für intuitive Entscheidungen. Was brauchst du? Wie möchtest du die nächsten Tage verbringen?

In meinem Fall heißt das, mir zu sagen: Ja, das bin ich. Das bin jetzt auch ich. Jetzt bin ich nicht mehr nur eine selbstständige Texterin und Autorin, sondern auch ein Schreibcoach mit einem aktiven Social Media Profil. Ich habe jetzt ein neues Arbeitsfeld für mich geöffnet. Ich stehe dort sogar schon recht stabil auf dem Boden. Wie wunderbar.

Wenn das Programm abgeschlossen ist, werde ich in den Zug springen und nach Wien fahren. Ich war noch nie da, wollte aber schon lange hin. In Cafés gehen, durch die Stadt schlendern, Museen besuchen, mir den Bauch vollschlagen, mich treiben lassen und ganz vergnügt mit mir allein sein.

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