Mio, Meister des Moments.

Resilienz: Ein Welpe testet, was ich so gelernt habe.

Und warum mein neues Leben mit Hund (meistens) toll ist. 

Ich bin Hundemama geworden! Vor zwei Wochen ist Mio bei uns eingezogen. Mio ist ein Dalmatiner Welpe. Seit er bei uns ist, erlebe ich jeden Tag die komplette Bandbreite an Gefühlen und trage den kleinen Fratz bestimmt 30 Mal am Tag die Treppen von unserer Dachgeschosswohnung runter und wieder hoch. Ich keuche, freue mich, fluche innerlich, bin gerührt. Darum soll es in diesem Artikel gehen: 

  • Warum ein Hund? Warum ein Dalmatiner?  
  • Wie ich als Ex-Burnout-Mensch die intensive Welpenzeit erlebe und wie ich sie mental anpacke. Insbesondere:
    • Die ersten Tage: Keine Struktur, keine Zeit für mich, trotzdem super! 
    • Die Gefühlswelt, wenn ein Welpe einzieht
    • Reizüberflutung und Ruhetrainig

Warnung: Dieser Artikel enthält sehr viele Dalmatiner-Bilder 😉.


Warum ein Hund bei uns eingezogen ist

Die Frage ist schnell beantwortet. Weil wir schon seit bestimmt zehn Jahren diesen Wunsch hatten. Zwei Bürojobs standen meinem Mann und mir dabei aber immer im Weg. Jetzt bin ich selbstständig und werde auch nach der Corona-Zeit die Möglichkeit haben, flexibel und von zu Hause aus zu arbeiten.

Mio ist also kein Spontanaktion-Corona-Hund, sondern ein alter Wunsch, den wir uns jetzt endlich erfüllen konnten.


Warum es ein Dalmatiner wurde

Nicht weil er so süß aussieht mit seinen Tupfen, auch wenn er wirklich wunderschön ist. Ganz wichtig: Niemand sollte einen Dalmatiner wegen seines Aussehens wählen. Dieser Hund braucht extrem viel Bewegung. Wer gerne einen Dalmatiner hätte, sollte sich genau überlegen, ob mindestens zwei bis drei Stunden ausgiebiger Auslauf mit einem erwachsenen Hund im Alltag möglich sind. 

Bei uns heißt die Antwort ja. Wir sind auch schon ohne Hund fast jeden Tag gemeinsam spazieren gegangen, wandern gerne, joggen und fahren viel Fahrrad. Wir wollten einen Hund, der zu unserem Leben passt. Wir haben uns überlegt, was uns wichtig ist und sind über diese Recherche beim Dalmatiner gelandet. Ich war überrascht, denn diese Hunderasse hatte ich irgendwie vergessen. Man sieht sie kaum mehr. 

Als ich ein Kind war, sah ich auf dem Weg zur Schule jeden Tag einen Mann, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Sein Dalmatiner lief die gesamte Strecke nebenher. Dieses Bild ist mir all die Jahre nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich kann es kaum erwarten, bis wir mit Mio das Fahrradtrainig beginnen, auch wenn wir uns bis dahin noch ganz schön lang gedulden müssen. 

Dalmatiner sind außerdem sensibel und intelligent. Das heißt, sie brauchen eine konsequente, aber sehr liebevolle Erziehung ohne Zwang, dafür mit viel Liebe, positiver Verstärkung und stetiger geistiger Förderung. 


Wie ich die intensive Welpenzeit erlebe und wie ich sie mental anpacke

Das ist kein Hundeblog. Jedes Thema, über das ich hier schreibe, steht unter dem Fokus mentale Gesundheit / Achtsamkeit. Es geht darum, welche Erfahrungen ich aus meinem Burnout und der Zeit danach mitgenommen habe und wie ich deswegen ein Thema sehe, angehe und welche Erkenntnisse ich daraus gewonnen habe. 

Wie immer gilt: Es sind eben Erfahrungen, keine therapeutischen Ratschläge. Such Dir aus, was Dich anspricht und lass den Rest vorüberziehen. 


Die ersten Tage: Keine Struktur, keine Zeit für mich, trotzdem glücklich

Wer kennt noch diesen Satz, der früher in jedem Bericht über einen Schulausflug stand? Müde, aber glücklich gingen wir nach Hause… Müde, aber glücklich trifft meinen aktuellen Zustand ziemlich gut. 

Bevor Mio kam, gehörten meine Tage mir. Klar, ich arbeitete, aber das tat ich, wann und wo ich wollte und auch Pausen machte ich, wenn es sich für mich gut anfühlte. Es konnte passieren, dass ich zwischendurch eine Runde Fahrrad fahren ging, mich mit einem Freund zum Joggen traf oder an einem Mittwochvormittag zu einem Besuch nach München aufbrach. Meine Strukturen hatte ich mir so zurechtgepuzzelt, wie es für mich gut passte. Die perfekte Mischung aus Ordnung und Freiheit. Am heiligsten war mir meine Zeit für mich, auf die ich seit meinem Burnout so akribisch achtete. Zeit zum Meditieren, Tagebuch schreiben, kreativ sein, Lesen, allein spazieren. Es gab diese Zeit-Inseln, jeden Tag kurz und mehrmals die Woche lang. Ich wusste, dann kann ich in mich hineinhorchen, intuitiv sein, und Erlebtes sacken lassen. Diese Inseln sind essenziell für meine Gesundheit. Und trotzdem habe ich sie für Mio gerne aufgegeben. Zumindest kurzfristig. 

Ich gebe es direkt zu: Für mich ist es verdammt schwer, meine Me-Time herzugeben. 

Alles andere mit Mio fällt mir relativ leicht. Im Moment ist es 0:21 Uhr und während ich diesen Text schreibe, schläft der kleine Fratz zusammengekuschelt auf meinem linken Fuß. Ab und an gibt er ein Schnarchen von sich. Immer mal wieder hebt er auch seinen Kopf, checkt ab, ob ich noch da bin du schläft dann beruhigt weiter. 


Gefühle wechseln schneller, als ich Super, Mio! sagen kann

Wir kannten Mio schon. Wir hatten ihn besucht und seine Menschenmutter hatte uns fast täglich mit Updates über ihn und seine Geschwister versorgt. Trotzdem wummerte mein Herz, als wir im Auto saßen, um ihn abzuholen. Hätte ich nicht doch mehr lesen sollen? Was wenn wir gleich am Anfang Dinge falsch machten? Mein Mann kommt aus einer Familie mit einem Hund, ich nicht. Der alte Perfektionismus (mein Bekannter Herr. P. , Du weißt schon…) schlug zu. Die Angst, sich nicht gut genug vorbereitet zu haben und der Fehlschluss, deswegen nicht gut genug zu sein. Dabei hatte ich Monate vorher ganz bewusst die Entscheidung getroffen, mich nicht überzuinformieren. Ich wollte doch durch Intuition, gute Beobachtung und den Besuch einer Hundeschule das Zusammenleben mit Mio meistern. Auf der Hinfahrt war alles vergessen. 

Auf der Rückfahrt kam alles zurück. Ich hatte ein kleines, wuseliges Lebewesen auf dem Schoß. Mio leckte mein Gesicht, winselte ein wenig und schlief schließlich ein. Dabei kuschelte er seinen Kopf vertrauensvoll auf meinen Unterarm. Da wusste ich wieder: Sicher würden wir nicht alles richtig machen, aber es war alles gut, so wie es war. Bei uns im Auto saß ein Wesen mit eigenem Charakter und wir würden in den nächsten Tagen und Wochen schon gemeinsam herausfinden, wie wir gut zusammenleben konnten. Ich bin stolz, dass ich an diesen Punkt gekommen bin, in meiner Entwicklung seit dem Burnout. Perfektionismus und Zweifel sind nicht für immer fort. Sie kommen immer mal wieder. Aber heute lasse ich mich nicht mehr davon vereinnahmen. Ich sage mir: „Ah da seid ihr ja wieder. Alles klar, danke, dass ihr auf mich aufpasst, aber ich kriege das hier auch so hin. Bis bald.“ 

Bei uns zu Hause machte Mio sich super. Neugierig erkundete er die Wohnung, behielt uns dabei stets im Blick und versicherte sich, dass es okay war, was er da tat. Wir lobten ihn, fütterten ihn zum ersten Mal, wischten seinen ersten Pipiunfall weg und kuschelten ihn in den Schlaf. Einfach, dachten wir. In der ersten Nacht schlief ich unruhig, lauschte auf jedes Geräusch und wir brachten ihn mehrmals raus zum Pinkeln, aber insgesamt lief auch diese erste Nacht super. Von vielen hatte ich da im Vorfeld etwas anderes gehört. Das zeigte mir einmal mehr, dass ich meine eigenen Erfahrungen mache und es nichts bringt, im Voraus von anderen Erfahrungen auf meine eigenen zu schließen und mich deswegen zu stressen. Es ist viel schöner, sich drauf einzulassen und zu sehen, was passiert.

Natürlich blieb es nicht so einfach mit Mio. Sobald er sich wohler fühlte, fing er an, frech zu werden. Er testete aus, was er in seinem neuen Zuhause alles durfte. Pflanzen fressen, alles anknabbern, immer Spielen und sobald seine Reizschwelle überschritten war (was sehr schnell geht, bei einem kleinen Welpen), ging das nicht mehr ganz so zärtliche Schnappen los. Welpenzähne sind spitz. Obwohl der kleine Fratz es nicht so meint, kann das Schnappen richtig wehtun. 

Allein beschäftigen konnte er sich gar nicht. Irgendwo eine Minute ruhig sitzen bleiben auch nicht. Während der ersten Tage saß also auch ich selten. Ich vergaß, zu trinken und aß an vielen Tagen abends zum ersten Mal etwas. Am dritten Abend versuchten wir, Nudeln mit Gemüse zu kochen. Für Kochen und Essen brauchten wir vier Stunden. 

Mir ging es trotzdem gut. Richtig gut sogar. Ich war erschöpft, ja, aber nicht gestresst. Und das ist ein großer Unterschied. Seit ich mich auf meine persönliche Entwicklungsreise gemacht habe, habe ich schon viel besser gelernt, im Hier und Jetzt zu sein, statt irgendwo anders. Mit Mio zog dann ein wahrer Meister des Moments bei uns ein. Er riss mich mit. Ich plante kaum etwas, schaute einfach, wie die Tage liefen und was er brauchte. Ich arbeitete wenig und ließ mich ganz auf ihn ein. Wir drei bauten wahnsinnig schnell eine innige Beziehung auf. Anstrengende Phasen nahm ich meistens mit Humor oder saß sie zumindest mit Mio zusammen aus. Auf meinen Armen und Beinen waren jetzt ständig Spuren seiner Krallen und Zähne zu sehen. 

Für mich immer noch eine wertvolle Erkenntnis, die ich gar nicht oft genug neu gewinnen kann: Ob eine Situation zu belastend wird, oder zwar anstrengend, aber zu schaffen ist, hängt so viel von der inneren Einstellung und Bewertung ab. Und im nächsten Moment konnte ich mich sowieso schon wieder an seiner Lernfreude, seinen Spielaufforderungen und dem vielen Kuscheln freuen.


Reizüberflutung und Ruhetraining

Manchmal kommen sie, die Stunden der kompletten Reizüberflutung. Mio hat zu viel gesehen, zu viel erlebt. Was er als Welpe noch nicht kann, ist sich selbst zu regulieren. Er merkt nicht, wenn es zu viel für ihn ist. Pausen zu setzen ist unsere Aufgabe. Regelmäßig haben wir uns dabei am Anfang verschätzt. Und dann konnte ich beobachten, wie ein gestresstes Wesen aussieht: Mio ist kaum noch ansprechbar. Unruhig rennt er ohne bestimmtes Ziel durch die Wohnung. Kopflos. Er kann sich nicht setzen, oder springt, wenn er es versucht, direkt wieder auf. Konzentrieren kann er sich auf gar nichts mehr. Er fällt von einer Übersprungshandlung in die nächste und schnappt nach uns.

Oh, wie ich mich selbst in all dem erkenne. Ich glaube, genau zu wissen, wie er sich fühlt. Bis auf das Schnappen ist mir alles bestens bekannt, von früher sehr oft, jetzt zum Glück seltener. In den letzten zwei Jahren habe ich Ruhetrainig mit mir selbst gemacht. Jetzt übe ich das Pause machen total gerne mit Mio. Richtig super geht es ihm, wenn sein Tag einen guten Mix aus Reizen, Lernen, Bewegung, Pausen und Entspannung hatte. Dann leckt er mir zufrieden übers Gesicht, fordert mich zum Kuscheln auf. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich diesen zufriedenen Hund beobachten darf. 

Ich bin unglaublich stolz auf uns alle drei, wie gut wir den Start gemeistert haben. Liebe gibt es viel. Und eine große Vorfreude auf die nächsten Jahre auch. 


Zwei Wochen später

Ich habe diesen Artikel angefangen, als Mio zwei Wochen bei uns war und beendet, als er schon fast vier Wochen da war. In dieser kurzen Zeit ist Vieles schon deutlich leichter geworden. Wir haben gegenseitig rausgefunden, wie wir gut zusammenleben können. Mio hat sich daran gewöhnt, dass wir tagsüber nicht mehr nur für ihn da sein können, sondern auch wieder mehr arbeiten. Wenn wir ihn dazu auffordern, legt er sich jetzt sogar öfter mal unter den Tisch auf eine Decke, döst und wartet bis wir eine Pause machen. Ab und an habe ich sogar wieder eine Stunde Me-time. 


Bei Dir ist es nicht gleich wie bei mir

Daran erinnere ich oft in meinen Artikeln und vielleicht kannst Du es schon nicht mehr hören, aber es ist mir wirklich wichtig: Bei Dir würde es vermutlich nicht gleich ablaufen, wie bei mir. Jeder Hund ist anders, jede Lebenssituation ist anders. Vielleicht hast Du ja einen Garten und wohnst nicht in einer Dachgeschosswohnung. Das macht vieles einfacher. Ich berichte hier von meiner Erfahrung und hoffe natürlich, dass Du daraus etwas für Dich mitnehmen kannst. Aber bitte verallgemeinere nicht und übertrage nicht unreflektiert auf Dein Leben. 

Und trotzdem möchte ich jedem ans Herz legen, der sich überlegt, einen Hund zu sich holen: Sei Dir der Verantwortung bewusst. Bedenke auch, was das zeitlich bedeutet. Selbst wenn die Welpenphase schnell vorbeigeht und Du vielleicht ein entspannteres Setup hast, als ich. Triff eine solche Entscheidung nicht leichtfertig. Erst letzte Woche habe ich in der Hundeschule von einem Welpen gehört, der nun doch nicht mehr kommt. Seine Besitzer haben ihn nach nur einer Woche ins Tierheim gegeben, weil ihnen so ein kleiner Hund dann doch zu anstrengend war.  

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