Warum wir diese ganzen Therapien machen

- Manifest meiner Generation -

Auszug aus meinem aktuellen Buchprojekt. Fassung 1 ist fertig, die Überarbeitung braucht noch ein Weilchen...

„Ich frag mich…“
Schweigen.
„Was mit meiner Generation los ist?“, ergänze ich schließlich die Gedanken meines Gesprächspartners, der Mitte 60 ist.
Er ist aufgewachsen in einer Zeit, in der diagnostizierte psychische Erkrankungen selten waren, kaum jemand zur Therapie ging und man irgendwie auch anderes zu tun hatte. Arbeiten zum Beispiel. Eine Familie gründen. Ein Haus kaufen. Ein bis zwei Urlaube im Jahr. Recht klassische Rollenbilder leben – was die Arbeitsteilung in der Familie anging, aber auch die Vorstellung von männlichen und weiblichen Verhaltensweisen.

Eine Zeit, in der mentale Gesundheit wenig thematisiert wurde, eine Depression oder Angststörung ein großes Stigma bedeutete. Eine Zeit, in der man Menschen ausgrenzte, die homosexuell waren, eine Behinderung hatten, im falschen Körper gefangen waren, eine andere Hautfarbe hatten und so weiter. (Ich sage nicht, dass das alles vorbei ist, aber ich finde, es ist schon deutlich besser geworden. Selbst in den 32 Jahren, die ich überblicken kann.) Fast jeder aß wie selbstverständlich Tiere, der Klimawandel und Umweltzerstörung waren noch kein Thema und die meisten Nachrichten „weit weg“.

„Na ja, schon… ja“, sagt er vorsichtig.
Ich weiß, was er meint: Er fragt sich, warum so viele meiner Generation scheinbar mit dem Arbeitsleben nicht zurechtkommen, teilweise nach nur wenigen Jahren im Beruf plötzlich krank geschrieben sind und sich in Therapie begeben.
Mir ist natürlich auch schon aufgefallen, dass uns das von der Generation unserer Eltern unterscheidet.
„Kann ich verstehen, dass du dich das fragst“, ermutige ich ihn, weiterzusprechen.
„Es muss ja an uns Älteren liegen. Irgendwas müssen wir bei euch falsch gemacht haben…“, meint er nachdenklich.

Unser Gespräch hallt lange in mir nach. Damals steckte ich noch zu tief in meinem eigenen Sumpf, um ein Muster zu sehen, etwas Größeres. Heute glaube ich, dass ich Einiges verstanden habe.
Zuerst mal: Ist es wirklich die Arbeit, die uns krank macht? Auch, glaube ich, aber Arbeit ist ein Faktor von vielen. Arbeit ist einfach das Offensichtlichste. Arbeit ist das, wovon wir uns krankschreiben lassen, wenn wir nicht mehr können. Und Arbeit ist eben das, womit wir die meiste Zeit verbringen, wo wir deswegen auch emotional stark involviert sind. Die Arbeit ruft Stress hervor. Beim Arbeiten erleben wir Konflikte. Das Kommunikationsvolumen hat massiv zugenommen, der Druck zur Selbstdarstellung auch. Kennen wir alles; ist tausendmal beschrieben worden.
Ich glaube aber, dass meine Generation Druck und Ansprüche von sehr viel mehr Seiten spürt, als nur von der Arbeit. Ich sehe es eher so, dass kaum Ruheinseln gibt. Alles muss optimiert werden. Noch dazu können wir uns nicht mehr selig in Unwissenheit zurückziehen, wie die Generationen vor uns. Wir wissen, was es bedeutet, wenn wir in ein Flugzeug steigen, Fleisch essen, Klamotten einkaufen gehen. Den lieben langen Tag lang dreht ein Riesenwust an Gedanken, Bewertungen und Abwägungen seine Runden in unserem Kopf. Das kostet sehr viel Energie…

Wie ich die letzten drei Generationen sehe, wenn ich von mir als Mitglied der Jüngsten ausgehe: 
(was ja de facto nicht so ganz stimmt – Hallo Generation Z!)

Die Generation meiner Großeltern hat für uns überlebt. Sie haben durchgehalten, waren stark, haben ihre Verluste und Traumata getragen, die sie als Kriegskinder erlitten haben und haben das Land wieder aufgebaut.

Die Generation meiner Eltern hat für uns Sicherheit geschaffen. Ein warmes, gemütliches Nest, in dem wir uns weitgehend ungestört entwickeln konnten. Sie haben uns Stabilität und finanzielle Sicherheit gegeben. Sie haben einen Rahmen geschaffen, innerhalb dessen eine Menge gut funktioniert. Sie haben gestrampelt und geleistet, viele sind aufgestiegen und konnten ihre Kinder in mehr Wohlstand großziehen, als sie selbst das erlebt haben.

Und meine Generation? Sind wir undankbare Luschen? Verwöhnte Bratzen, die nicht richtig arbeiten wollen? Die sich einfach weigern, im sogenannten „Ernst des Lebens“ anzukommen und die Verantwortung zu übernehmen, die unsere Eltern schon längst getragen haben in unserem Alter?
Ich glaube nicht, dass wir Luschen sind. Ja, das alles mag nicht ganz falsch sein. Aber das ist eine Bewertung aus Sicht der Elterngeneration nach den Maßstäben und Werten, die für diese Generation wichtig sind. Wer könnte es ihnen verdenken? Für sie hat es ja funktioniert.

Doch die Gesellschaft, die sie erschaffen haben, ist auch eng und exklusiv. Man hat in dieser Gesellschaft Erfolg, wenn man sich anpasst. Wenn man dem Prototyp des starken weißen Mannes entspricht. Wenn man bereit ist, die Frau an seiner Seite zu sein, das folgsame, den Erwartungen entsprechende Kind. All der Schmerz bleibt unsichtbar in der Gesellschaft dieser Generation. Wer nicht stark genug ist – und stark bitte nach den Maßstäben des Prototyps – der wird verlacht, ausgegrenzt, ist selbst schuld, weinerlich und soll sich nicht so anstellen.
Überhaupt, Gefühle, lächerlich…

Ich glaube, die Leistung meiner Generation wird im Folgenden bestehen:

Wir brechen dieses verdammte Muster auf!
Wir machen Platz für Viele.
Wir sind sensibel.
Wir zeigen Stärke durch Verletzlichkeit.
Wir sprechen, entstigmatisieren, üben Selbstannahme.
Wir erkennen, dass es nicht nur den einen Weg durchs Leben gibt. Wir sind ehrlich genug, um uns mit der Komplexität auseinanderzusetzen, die ein Leben, das sich nicht an Schablonen orientiert, bedeutet.
Wir fechten aus und diskutieren.
Wir hinterfragen, auch wenn wir nicht immer gleich eine Lösung parat haben.
Wir sind uns bewusst, dass Menschen ausgegrenzt werden und wie schmerzhaft das ist. Wir tun unser Mögliches, um diesen Zustand zu verbessern – auch wenn wir dabei manchmal über die Stränge schlagen, das Pendel vielleicht zu weit schwingt und wir leider auch die Cancel Culture mitgebracht haben. Aber wir lernen ja noch. Also seid auch ein bisschen gnädig mit uns, liebe Elterngeneration.

Wir wollen niemanden in ein Leben zwängen, in das diese Person nicht passt.
Wir wollen niemanden zwingen, sich selbst zu verleugnen, aus Angst, sonst nicht angenommen zu werden.
Wir sind uns unseres Wirkens in der Welt bewusst: Was es mit anderen macht, wenn wir uns so und so verhalten; was Privilegien bedeuten; welche Auswirkungen unser Leben auf Tiere, die Natur und das Klima hat.
Tatsächlich sind wir bereit, zu verzichten und Dinge zu ändern, um die Gesamtlage zu verbessern. Wir sind bereit, abzugeben, zu teilen, so Manches nicht zu tun, damit es allen etwas besser geht.

Das wird unsere Aufgabe sein, glaube ich. Und ich möchte mit meinem Buch meinen Teil beitragen. Ich bin total überzeugt davon, dass wir auf einem guten Weg sind, dass die Welt immer besser wird, auch wenn wir es gerade nicht wirklich leicht haben. Ich glaube, wir können eine sensible, inklusive, soziale Gesellschaft werden mit viel Platz für Viele.

Und ja, das alles können wir nur machen, weil unsere Großeltern und Eltern uns den Weg dafür bereitet haben. Weil sie überhaupt erst die Bedingungen geschaffen haben, dass wir es uns leisten können, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Also: Danke dafür. Wir machen ja auch diese ganzen Therapien, um die Utopie einer Gesellschaft für die zukünftigen Generationen zu entwicklen und zu ihrer Verwirklichung beizutragen.

 

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