Leben in Episoden.

Warum ich glaube, dass es besser ist, in Episoden zu leben, statt alles gleichzeitig zu machen.

(Und ja, es fällt mir selbst öfter mal schwer)

Es gibt bessere Ideen als mitten in einer Pandemie umzuziehen. Das wusste ich schon davor, kann ich jetzt aber mit Sicherheit bestätigen. Ein Umzug, der sonst in ein paar Tagen erledigt gewesen wäre, hat sich unter Corona-Bedingungen unendlich gezogen. Der Grund: Es durfte nur eine weitere Person helfen und an den meisten Tagen haben wir sogar ganz auf Hilfe verzichtet, um nicht eine größere Anzahl an Menschen indirekt miteinander in Kontakt zu bringen. 

Ich bin in meinem Leben schon oft umgezogen und habe die Erfahrung, gemacht dass es zwar anstrengend ist, dann aber doch relativ schnell ein Ende hat. Also habe ich das wieder so erwartet und knallhart ignoriert, dass es einen Unterschied macht, ob zehn Leute einen Transporter beladen oder drei. Oder ob Möbel Zusammenbauen, Streichen und Kisten Auspacken mehr oder weniger gleichzeitig laufen, oder ob zwei müde Menschen das alles allein machen. 

Bei aller Vorfreude auf die neue Wohnung war ich ziemlich schnell ziemlich kaputt. Und das war ein Problem, denn: Ich wollte in der Umzugswoche weiter arbeiten. Nicht Vollzeit natürlich, aber ein paar Stunden am Tag sollten ja schon drin sein, fand ich. Auch Termine wie beispielsweise ein wöchentliches Online Meeting für ein Seminar, das ich gerade durcharbeite, wollte ich nicht absagen. Außerdem, dachte ich, würde ich in der Umzugswoche einen neuen Blogartikel schreiben. Als ich den Blog gestartet habe, habe ich mir vorgestellt, ein bis zweimal im Monat zu publizieren und ich hatte so viele Ideen für Artikel und konnte es kaum erwarten, die nächste davon umzusetzen. Und der letzte Artikel war ja schon so lange her…


Da darfst Du gerne lachen =)

Während ich das schreibe, muss ich schmunzeln. Du darfst ruhig auch lachen, denn all das gleichzeitig zu wollen, während man gerade zu zweit einen Umzug stemmt, ist Quatsch =). Und wer hier schon länger mitliest, sieht vermutlich spätestens jetzt einen alten Bekannten winken, nämlich Herrn P. Herr P. heißt mein Perfektionismus, der damals einen großen Anteil daran hatte, dass ich in einem Burnout gelandet bin. 

Früher hätte ich mir in dieser Situation gesagt: Das ziehst du jetzt durch. Du kannst ja tagsüber den Umzug machen und dann abends arbeiten. Schläfst du eben weniger. Und machst einfach schneller. Beeil dich, sei nicht faul!

Heute habe ich dieses alte Muster erkannt und alles außer den Umzug gestoppt. Der Druck im Kopf ließ nach, als hätte jemand Luft rausgelassen.  Erschöpft war ich zwar immer noch, aber mir ging es schnell wieder viel besser. 

Klar, klüger wäre es gewesen, mit mehr Pausen zu planen, aber ich bin trotzdem stolz auf mich, dass ich Herrn P. noch rechtzeitig erwischt habe. Dieser Typ hat wirklich viele Verkleidungen in seinem Schrank hängen. Und auch wenn es sich rückblickend so klar liest, ist es für mich immer noch eine Herausforderung, Herrn P. zu erkennen, wenn er wieder etwas Neues anhat. 


Episodisches Leben – Alles zu seiner Zeit

Herrn P.s kleinen Gastauftritt möchte ich zum Anlass nehmen, um über episodisches Leben zu schreiben. 

Was ich damit meine: Eine alte Weisheit, die Du und ich vielleicht noch von unseren Großeltern gehört haben, von der ich aber den Eindruck habe, dass sie immer mehr verloren geht. Alles zu seiner Zeit. Der Satz heißt eben NICHT Alles gleichzeitig. Trotzdem kommt es mir so vor, als wäre genau das die Maxime unserer Zeit: Alles gleichzeitig. Die anderen machen es ja auch so. 


Schluss mit wildem Lebensmultitasking

Ich glaube, sich auf Episoden einlassen zu können, ist eine sehr wichtige, unterschätze Fähigkeit: Zu akzeptieren, dass gerade dieses dran ist und dass jenes deswegen auch eine Weile lang hintenanstehen darf. 

Ich glaube, dass diese Haltung glücklicher, zufriedener und ruhiger macht, als wildes Lebens-Multitasking. In Episoden leben bedeutet dann nämlich: Im Moment zu sein und ihn bewusst zu erleben, ohne das Gefühl, woanders etwas zu verpassen oder nicht genug zu sein. 

In Episoden zu leben war einer meiner großen Vorsätze nach dem Burnout. Meistens klappt es inzwischen ganz gut und na ja, manchmal eben nicht. Dann neige ich dazu, die Ansprüche, die ich an mich in bestimmten Bereichen in der vorherigen Lebensphase hatte, in die nächste mitzunehmen, ohne ehrlich für mich zu prüfen, ob sie hier noch ihren Platz haben. Ich vermute, das habe ich mit vielen anderen Burnout gefährdeten Menschen gemeinsam. 

Erkennst Du Dich darin wieder? Das muss natürlich nicht heißen, dass du kurz vor einem Burnout stehst. Vielleicht ist es für Dich ja einfach ein Denkmuster, das Dir unnötig Stress macht. Und vielleicht würden sich Deine Tage unbeschwerter anfühlen, wenn Du dieses Muster hinterfragst und ein Stück weit loslässt.  


Was genau meine ich denn jetzt mit Episoden?

Ich meine Lebensabschnitte, in denen Dein Fokus auf etwas ganz Bestimmtem liegt. Die Episoden können relativ kurz sein – wie bei mir zum Beispiel der Umzug. Sie können natürlich auch länger dauern – zum Beispiel wenn Du eine neue Liebesbeziehung beginnst. Sie können klar begrenzt sein – wie bei mir zum Beispiel mein Aufenthalt in Borneo, um für mein Buch zu recherchieren. Sie können aber auch ausfransen. In meinem Leben gehören zu den Episoden mit Fransen an beiden Enden das Burnout und der Aufbau meiner Selbstständigkeit. 

Immer wieder verschieben sich die Gewichte im Leben für kurze Zeit oder langfristig. Bei Dir war das vielleicht der Start ins Arbeitsleben. Oder der Umzug in eine andere Stadt. Oder der Moment, in dem Du eine Familie gegründet hast. Vielleicht auch eine Phase, in der Du Dich aktiv weitergebildet hast. Oder eine Episode, während der Deine Gesundheit im Vordergrund stand. 

Überlege doch mal, was für Episoden es in Deinem Leben schon gab. Hast Du Dich darauf eingelassen? Hast Du Dich vielleicht (zeitweise) überfordert? Und ich finde auch eine wichtige Frage ist diese:

Konntest Du Dich von der vorherigen Episode leichten Herzens verabschieden? 

Ich sehe es heute so: Alle vergangenen Episoden sind ein Teil von mir, aber ich BIN NICHT  eine vergangene Episode oder die aktuelle. Darüber definiere ich mich nicht. Es sind einfach die Episoden, die wenn ich mich darauf eingelassen habe, in ihrer Vielfalt mein Leben bereichern. Sie dürfen ein Anfang und ein Ende haben, denn dann kommt wieder ein Anfang. 

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