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Müllberg

Der Müllberg der Menschheit.

Und warum ich glaube,

dass wir unser Verhalten ändern können.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit der Europäischen Woche der Abfallvermeidung entstanden.

Achtung, dieser Artikel ist ein wilder Ritt. Es geht um ein Muster, das ich sehe. Der Bogen, den ich spannen möchte, ist weit. Ich fände es schön, wenn Du Dich darauf einlässt. Und noch schöner fände ich es, wenn Du mit mir Deine Gedanken dazu teilst. Am liebsten als Kommentar unter dem Blogartikel, dann haben auch andere Leser etwas davon. Wenn Dir das zu öffentlich ist, kannst Du mir auch eine Mail schreiben. 


Mir kam es nie so vor, als würde in meiner Umgebung besonders viel Müll herumliegen. Seit ich meinen Hund Mio habe, weiß ich, dass das nicht stimmt. Jedes Mal, wenn ich Mio ein vollgerotztes Taschentuch aus dem Maul ziehe, eine Zigarettenpackung oder eine alte Atemschutzmaske wird mir bewusst, wie achtlos wir scheinbar Dinge fallen lassen und sie dann vergessen. Klar, manchmal rutscht der Kassenzettel unbemerkt aus der Jackentasche. Doch ein guter Teil des Mülls landet auch absichtlich auf den Feldern, Wiesen und Gehwegen meiner Gegend.

Niemand, der seinen Müll auf diese Weise loswird, stellt sich wahrscheinlich vor, wie es für den Abfall weitergeht. Denn der ist nicht wirklich weg, sondern nur weg von diesem Menschen. Ich glaube, wenn jemand sehen würde, wie seine Schokoriegelpackung nach dem Wegwerfen kurz auf der Straße liegt, bevor ich sie im nächsten Moment meinem Hund aus dem Maul ziehen muss, fünf Minuten später der zweite Hund nicht widerstehen kann und noch einmal eine halbe Stunde später ein Kleinkind, das gerade die Welt entdeckt, danach greift… Dann wäre das vielleicht anders. 

Auch wenn es jetzt so klingt: Ich bin keine Vorstadtspießerin, die sich über eine vermüllte Umgebung aufregt. Letztlich wird dadurch ja nur ein Problem sichtbar, das oft unsichtbar bleibt. Denn natürlich kann Müll, der gar nicht erst entsteht, auch nicht auf der Straße, im Hundemaul oder in der Kinderhand landen.


Der Müllberg der Menschheit

Ich stelle mir manchmal den enormen Berg an Müll vor, den die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte schon hinterlassen hat. Anfangs sind es Tonscherben und Kleidungsfasern, vielleicht Baumaterialien. Über die Jahrhunderte und Jahrtausende türmen sich die Gegenstände auf. Neue Materialien kommen hinzu. Die Zusammensetzung wird komplexer. Der Berg wächst stetig, aber langsam. Und dann schießt er explosionsartig in die Höhe: Die Industrialisierung bricht an; es gibt zwei Weltkriege; die Weltbevölkerung wächst; die Wirtschaft wächst. Die Konsumgesellschaft ist geboren. Zu ihr gehören absurde Mengen an Gegenständen mit kurzer Gebrauchszeit, Verpackungen und extrem komplexe Materialien. Ich stelle mir vor, dass der Berg in den letzten 100 Jahren viel größer geworden ist, als in der gesamten vorherigen Menschheitsgeschichte.

Ich schreibe hier natürlich metaphorisch. Der Müllberg der Menschheit ist mein Bild, das mir klarmacht, wie erschreckend diese Entwicklung ist. Wenn wir die Plastikverpackung vom Schokoriegel schälen, kommt uns diese Handlung völlig banal vor. Als wäre es schon immer so gewesen. Wir vergessen, wie kurz unsere eigene Lebensspanne ist; wie unbedeutend dieser Zeitraum im Verhältnis zur Menschheitsgeschichte ist und dass das, was wir in unserem Leben in Bezug auf Abfall für „normal“ halten, erst seit ganz kurzem als normal gilt. Dieses „normal“ kann kein Maßstab für die Zukunft sein.


Ein Muster unserer Zeit

Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind nicht richtig mitgekommen, bei dieser Entwicklung, obwohl wir mitwirken. Schon einmal durfte ich erleben, was es mit Menschen macht, wenn eine Veränderung sich so rasant vollzieht: Sie verlieren Überblick und Orientierung. In Borneo habe ich Menschen kennen gelernt, die noch als Kinder traditionell im Regenwald gelebt haben. Ein, manchmal zwei Jahrzehnte später war der Wald weg, dafür kamen Palmölplantagen, Geld, Strom, Motorisierung, Städte und Smartphones. Oft habe ich gehört: Ich habe es nicht verstanden, obwohl ich es gesehen habe. Es ging alles so schnell.

Bäume brauchen lange, um zu wachsen. Sie zu fällen, dauert dagegen nicht lange. Genau deswegen ist es so verführerisch, mehr zu fällen, als nachwachsen und das Problem, das daraus entsteht, zu spät zu erkennen. 

Hier sehe ich ein Muster unserer Zeit, einen Zusammenhang zwischen den beiden Themen, die mich oft beschäftigen: Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. In beiden Bereichen treffen wir oft falsche Entscheidungen. Meistens, weil wir zu kurzfristig denken. Dieses Denken bringt uns dazu, den Müllberg in die Höhe schießen zu lassen, Wälder zu vernichten, rastlos durch den Tag zu hetzen und jede noch so kleine Pause mit einem Blick auf das Smartphone zu verhindern, statt in uns rein zu horchen. 

Wir erkennen oft nicht, dass es auch Alternativen zu Glaubenssätzen und Verhaltensweisen gäbe, weil diese uns so normal und unumstößlich erscheinen. Muster entstehen, weil sie zunächst nützlich sind und haben ihre Berechtigung. Trotzdem können sie dysfunktional werden und zu einem großen Knall führen. Das habe ich damals in meiner Therapie gelernt. In der ersten Sitzung hat meine Therapeutin etwas gesagt, das mich bis heute begleitet: Verhalten ist erlernt. Das bedeutet aber auch, dass Sie Verhalten umlernen können. Dass es leicht wäre, hat sie nicht behauptet. Aber es ist möglich, sich von Mustern, die kurzfristig gut erscheinen, langfristig aber schaden, zu verabschieden. Und ich glaube, genau das dürfen und müssen wir jetzt lernen – im Umgang mit uns selbst genauso wie im Umgang mit Ressourcen und Umwelt.


Vom Kleinen ins Große und vom Großen ins Kleine

Es wird Dir aufgefallen sein: Ich kann in diesem Artikel keine neuen Fakten zu Abfall und seiner Vermeidung anbieten. Inhaltlich war Dir sicher alles bestens bekannt. Wie so oft geht es mir darum, meine Gedanken anzubieten. Was für Dich davon passt und was nicht, prüfst Du selbst. Vielleicht kann dieser Artikel für Dich ein Anlass sein, das Thema Abfall und Abfallvermeidung nicht nur im Kleinklein des Alltags zu betrachten, sondern auch in seiner Gänze, in seiner Größe, in seiner enormen Dimension. Und vielleicht ist es durch diese Größe dann wieder leichter, Dinge bewusst auf den Alltag herunter zu brechen. Zumindest mir geht es oft so. Ich habe inzwischen angefangen, Müll auf meinen Spaziergängen mit Mio einzusammeln. 

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